Karima
Lanius
Bielefeld

Satire

Eine besondere Art der (literarischen) Kommunikation
Ausgangsbeitrag: Literaturwissenschaft als Literatur/Wissenschaft, in: Textpraxis # 8

Zu Beginn meiner Replik knüpfe ich bewusst an das Ende des Beitrags meiner Vorgängerin Jeewon Kim an, in dem sie darauf hinweist, dass »[a]lles, was hier über die Literatur gesagt werden kann, [aus] internem Widerstand beziehungsweise aus Dissens, der weitere Dissense produziert und reproduziert [, besteht].« 1 Denn meine Antwort wird ebenfalls nicht zu einem Konsens führen. Dies kann auch nicht der Anspruch meiner Replik sein. Ich möchte aber diesen Dissens mit Luhmann als produktiv begreifen, da auf diese Weise die Diskussion, in die ich eintreten darf, nicht abreißen wird – nicht so schnell auf jeden Fall.2 Ich hoffe also, dass mein Beitrag Anstoß zu weiteren liefern wird.

Um den Fall Böhmermann ist es angesichts der weltweiten Krisen relativ ruhig geworden. Unmittelbar nach dem 31. März 2016 herrschte in Deutschland allerdings alles andere als Ruhe. Am Abend desselben Tages strahlte das ZDF die Sendung Neo Magazin Royale aus. Hier trug Jan Böhmermann bezugnehmend auf die ARD-Sendung extra 3 das Schmähgedicht vor, das den türkischen Präsidenten Erdoğan unter anderem zur Klage gemäß § 103 veranlassen sollte.3 Die Politik, die Medien und nicht zuletzt die Gesellschaft diskutierten, was Satire überhaupt dürfe. Diesen Fall Böhmermann möchte ich nun als Anlass nutzen, die auf Textpraxis geführte Diskussion zur Systemtheorie fortzuführen.

Jeder der bisherigen Aufsätze in diesem Kommunikationszusammenhang hat Fragen gestellt, beantwortet und berechtigterweise offengelassen. Dieser Kette möchte ich nun eine neue Frage hinzufügen und dabei auf in der Diskussion bereits genannte Aspekte eingehen. Kim hat unter anderem hervorgehoben, dass das System der Literaturwissenschaft von seinem Gegenstand – der Literatur – bestimmt wird.4 Ich möchte also fragen, wie ein konkreter Gegenstand der Literaturwissenschaft beschaffen ist. Als Gegenstand wähle ich, wie mein Ausgangsbeispiel vermuten lässt, die Satire. Warum die Satire? Diese scheint mir primär aus drei Gründen interessant zu sein: Erstens ist es der Forschung bisher nur bedingt gelungen, das Wesen der Satire zu definieren und zweitens handelt es sich um eine Textsorte, die eine lange Tradition seit der Antike aufweist. Letztlich zeigt auch der Fall Böhmermann, wie stark die Satire mit der Gesellschaft verbunden ist. Bei dieser Ausgangslage bietet sich ein funktionalistischer Ansatz an, weil der Funktionalismus, allgemein gesprochen, an sozialen Phänomenen beziehungsweise Problemen ansetzt und versucht, eine Lösung zu finden. Luhmann ›radikalisiert‹ diesen Funktionalismus unter anderem in einem bestimmten Punkt. Er ist nicht bestrebt, eine allgemeingültige Erklärung zu finden – Totalität liegt ihm fern. Er macht vielmehr die Möglichkeit stark, dass Folgeprobleme zu weiteren Analysen anregen können.5

Wirft man nun mit Hilfe der Systemtheorie als »theoretische Option«6 einen Blick auf die Satire, stechen gemäß den aufgeführten Gründen zwei beobachtungswürdige Anschlussfragen ins Auge: Was charakterisiert die Kommunikation der Satire? Und wie reagiert die Satire auf die gesellschaftliche Evolution beziehungsweise den sozialen Wandel? Beide Fragen sind natürlich miteinander verbunden. Ihre Verbundenheit ist in der Gattungsfrage begründet. Damit verweise ich erneut auf die Schwierigkeit, die Satire zu definieren. So bemerkt Jörg Schönert zu Recht, dass einige Definitionen zu weit greifen und eine Abgrenzung zu anderen literarischen Verfahren nicht mehr möglich ist.7 Man muss hier vielleicht hinzufügen, dass Schönert selbst in seinem Aufsatz Theorie der (literarischen) Satire ein umfassendes Modell entwirft. Hier muss er allerdings einwenden, dass sein Beschreibungsmodell »keine systematisierbaren Angaben über die Ausdehnung des referentiellen Kontextes [machen kann]«8. Unter diesem Kontext subsumiert er die jeweiligen sozialen, historischen und politischen oder kulturellen Kontexte.9 Hier könnte sich auch, wie Dominik Schreiber betont, »[b]esonders der evolutionstheoretische Teil der Systemtheorie […] in diesem Zusammenhang als ergiebig erweisen«10. Gattungsbegriffe generell können in der Literaturwissenschaft aufgrund ihrer Ambivalenz als unerschöpfliches Forschungsfeld gelten. Ein kleines Beispiel aus der Literaturgeschichte genügt: So distanziert sich Hegel von der Satire, da es ihm nicht gelingt, sie einer der Naturformen zuzuordnen.11 Die Zusammenführung von Gattungen und Sozialstruktur scheint am erfolgversprechendsten, wenn man sich mit der vormodernen Gesellschaft auseinandersetzt.12 Zunächst erscheint diese Kopplung als gewinnbringend, weil die Evolutionstheorie keine Prozesstheorie darstellt, sondern sich vielmehr an Strukturveränderungen abarbeitet.13 Ich möchte daher einen kurzen Blick auf die Verbindung von Gesellschaftsstruktur und Semantik14 werfen. Hier wähle ich bewusst ein Beispiel aus der mittelalterlichen Literatur, um einerseits (implizit) den Unterschied zu heutigen Satiren zu zeigen und andererseits (primär) darzustellen, wo man bei einer systemtheoretischen Analyse der Satire ansetzen könnte. Die Satire Helmbrecht von Wernher der Gärtner entstand wahrscheinlich um das Jahr 1250 und dreht sich um den gleichnamigen ›Helden‹. Dieser ist ursprünglich ein Bauernsohn, fühlt sich aber zu Höherem berufen, sodass er schließlich zum Raubritter wird. Ziemlich gegen Ende der Satire heißt es: »[…] hiengen in an einem boum. / ich waene, des vater troum / daz er sich hie bewaere. / hie endet daz maere.« (»sie hängten ihn [Helmbrecht] an einen Baum. Ich glaube, dass sich des Vaters Traum hier bewahrheitet hat. Hier endet die Geschichte«)15. Der Tod des Protagonisten verweist indirekt auf die Semantik der Individualität. Dabei ist Individualität immer von Inklusion abhängig. Eine stratifikatorische Gesellschaft – für die beispielweise, folgt man Luhmann, das europäische Lehnswesen stehen kann – basiert auf der Ungleichheit ihrer Teilsysteme. Diese aus heutiger Sicht stark hierarchisch geprägte Gesellschaft ist wiederum ohne ihre strikte Ordnung nicht vorzustellen. Selbst der Haushalt oder vielmehr die Familie spiegelt diese wider. Dabei bestehen die Schichten keineswegs aus Individuen, sondern sie ordnen den Einzelmenschen in die Gesellschaft ein.16 Helmbrecht stellt sich gegen die Ordnung und will Ritter werden, worauf sein Vater ihm sein Ende (siehe oben) vorwegnimmt, wenn er sagt:

sun, eine wîle dage / und vernim, waz ich dir sage. / swer volget gouter lêre, der gewinnet frum und êre: / swelh kint sînes vater rât / ze allen zîten übergeht, daz stât zu jungest an der scham / und an dem schaden rehte alsam. (Sohn, schweig eine Weile und vernimm, was ich dir sage. Wer auch immer guter Lehre folgt, der gewinnt Nutzen und Ehre. Welche Kinder aber den Rat ihres Vaters zu allen Zeiten übergehen, die enden zuletzt in Scham und Schande)17

Individualität und Selbstentfaltung werden von der Familie und damit von der Gesellschaft nicht geduldet. Durch den Tod Helmbrechts wird die Ordnung letztlich bestätigt. Genau an dieser Stelle müsste man die Veränderung der Semantik weiterverfolgen, um die Wirkung des sozialen Wandels auf die Satire nachzuvollziehen. Fest steht, dass die Satire Helmbrecht unter anderem dazu dient, die gesellschaftlichen Strukturen zu bestätigen. Aber diesem Gedankenstrang werde ich mich nicht weiter widmen, um die bisherigen Diskussion nicht zu verlassen. Vielmehr will ich mich nun auf meine zuerst gestellte Frage – nach der Kommunikation der Satire – konzentrieren.

Damit zurück zum Fall Böhmermann. Mittels dieses Beispiels möchte ich nicht nur aufzeigen, wie sehr die Satire mit der Gesellschaft verbunden ist. Sondern bei näherer Betrachtung verweist der Fall sogar auf die enge Beziehung zur Moral, da primär die Frage nach dem Dürfen oder Nicht-Dürfen der Satire gestellt wurde. Diese Erkenntnis ist nicht ganz neu, weil dieser Kern bereits gut von der germanistischen Satireforschung herausgearbeitet wurde,18 aber eine systemtheoretische Perspektive kann neues Licht auf dieses Phänomen werfen.

Schreiber ist bereits auf das Spezifische der Schriftkommunikation eingegangen. Autor/in und Leser/in gehören zur Umwelt des Literatursystems, während der Text eine besondere Art der Kommunikation darstellt. Die Besonderheit konstituiert sich unter anderem in der Entzerrung der dreiwertigen Kommunikationseinheiten. Darüber hinaus betont er, dass auch diese Kommunikation nicht auf einer textinternen Ebene stattfindet, sondern immer im System der Literatur anzusiedeln ist.19

Untersucht man daran anschließend die Kommunikation der Satire, stößt man auf ein Problem. Das Stichwort liefert mir dabei der Begriff der Moral. Nach Luhmann kann Moral nicht als soziales System gelten. Warum kann sie das nicht? Primär, weil sie die Person als Ganzes betrachtet. Sie arbeitet mit dem Code gut/schlecht und bringt damit Achtung oder Missachtung zum Ausdruck, die sich eben auf die ganze Person beziehen. Man könnte also sagen, die Moral muss symmetrisch strukturiert gedacht werden. Darüber hinaus muss man sich vergegenwärtigen, dass ihr Code eine universelle Relevanz hat.20 Man kann diese Kommunikationssituation vielleicht noch etwas präziser formulieren: Der/Die Satiriker/in greift auf ein bestimmtes Korpus an Normen- und Wertevorstellungen zurück, die der/die Rezipient/in kennen muss, um die Satire als solche wahrzunehmen – Schönert bezeichnet dies als die satirische Situation.21 Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und hinzufügen, dass die Satire auf diese Weise geradezu Zustimmung einfordert. In diesem Punkt ist allerdings Vorsicht geboten, weil Luhmann die Kommunikation als soziales Ereignis versteht, das nicht an Subjekte gebunden ist.22 Trotzdem bleibt die Tatsache bestehen: Die Moral und damit die Satire spricht die Person an. Damit ist vielleicht der Aspekt angesprochen, den David Christopher Assmann hervorhebt. Er akzentuiert den personalen Hintergrund des/der Autors/in und macht darauf aufmerksam, dass dieser ohne den literarischen Akteur nicht zu denken ist.23 Die satirische Situation erfordert offensichtlich einen literarischen Akteur, ob aber als literaturwissenschaftlicher/e Beobachter/in der Satire eine Aussage über das Individuelle getätigt werden kann, halte ich für unwahrscheinlich. Es wäre an dieser Stelle angebracht zu untersuchen, inwiefern der Begriff der Person und des Individuellen hier bedeutungsgleich verwendet werden kann. Damit würde ich allerdings den Rahmen meiner Replik verlassen. Meine Skepsis rührt unter anderem daher, dass ein/e Literaturwissenschaftler/in genaugenommen nie eine allgemeingültige Aussage über eine konkrete Person oder einen/e Autor/in machen kann, wenn er – wie gern in der Satire verwendet – sich zum Beispiel der ironischen dissimulatio bedient. Es ist zwar nachvollziehbar, sich vom postulierten Tod des Autors zu distanzieren, zumal das Konzept der Autorenschaft sich als weitaus komplexer präsentiert. Trotzdem sollte man Vorsicht walten lassen.24 Dazu bedarf es aber nicht erst der These Roland Barthes’ oder Michel Foucaults, ein Blick ins (europäische) Mittelalter kann genügen. Entgegen der Forschung der 1970er25, lässt man angeblich biographisches Material oder Ähnliches in die Interpretation eines Textes nicht einfließen. Zum Beispiel lässt sich wenig bis gar nichts aus den Abbildungen aus der Manessischen Liederhandschrift über den Autor herauslesen.26 Was ich im Endeffekt damit aussagen will, ist, dass wir hier nur auf der Ebene des Textes bleiben können und den/die Satiriker/in sowie Rezipienten/in als reine Funktion der literarischen Kommunikation betrachten können. Zurück zur satirischen Situation: Ich kann beispielweise Sebastian Brants Narrenschiff (1494) nur als Satire erkennen, wenn ich als Leser/in unter anderem weiß, dass der Narr als Figur gemäß Psalm 52 oder 53 für die unwissende und gottesferne Menschheit steht, wenn es heißt:

Hie endet sich das Narrenschiff / So zuo nutz heylsamer ler / ermanung / vnnd erfolgung / der Wyßheyt / vernunfft / vnnd guoter syttenn / Ouch zuo verachtung / vnd stroff der narrheyt / blinheyt Irrsal vnd dorheyt / allerstaedt / vnd geschlecht der menschen […] (Hier endet das Narrenschiff. So zum Nutzen heilsamer Lehre, Ermahnung und zum Erfolg der Weisheit, Vernunft und guten Sitten. Auch zur Verachtung und Tadel der Narrheit, Blindheit, Irrsal und Torheit aller Stände und Generationen der Menschheit)27

Das Ausgangsbeispiel – der Fall Böhmermann – macht noch einen weiteren Punkt deutlich. Die Satire kann provozieren und missverstanden werden, wobei Missverstehen nach Luhmann im Verstehen inbegriffen ist. Rechtlich gesehen changiert die Satire zwischen Meinungs-, Presse- und Kunstfreiheit. Zusätzlich ist ein Konflikt mit Dritten wegen ihres teils aggressiven Charakters fast unausweichlich.28 Dieses Phänomen scheint relativ offensichtlich, kann aber mit der Systemtheorie ebenfalls erklärt werden. Zunächst spielt die Satire mit normativen Erwartungen. Im Gegensatz zur kognitiven Erwartung wird die normative Erwartung im Enttäuschungsfall aufrechterhalten – bei der Stabilisierung hilft hier unter anderem das Rechtssystem.29 Zudem ist eine gewisse Hartnäckigkeit einer moralisch aufgeladenen Kommunikation festzustellen, so dass es nachvollziehbar wird, warum Moral das Potential hat, Streit zu erzeugen oder zu verschärfen. »Wer [also] moralisiert, läßt sich auf ein Risiko ein und wird bei Widerstand sich leicht in der Lage finden, nach stärkeren Mitteln suchen zu müssen oder an Selbstachtung einzubüßen.« 30 Nicht nur Moral, sondern auch das Schreiben einer Satire kann demnach als ein riskantes Unternehmen gelten. Nicht allein das Schmähgedicht von Böhmermann macht deutlich, auf welches Risiko man sich (wahrscheinlich) einlässt. Schon Christian Ludwig Liscows Philippi-Fehde (ca. 1732–1734) veranschaulicht dieses Phänomen sehr gut: Diese beginnt mit einem falschen Enkomion31 auf den Rechtswissenschaftler Johann Ernst Philippi, wobei Liscow dieser persönlich vollkommen unbekannt war. Vergeblich hat Philippi daraufhin versucht, beim Dresdener Oberkonsistorium ein Verbot dieser Lobrede zu erwirken.32 Hierbei zeigt sich die enttäuschte normative Erwartung des Doktors, an der er festhält und daher die Justiz einschaltet. Dabei ist nebensächlich, ob ein Verbot wirklich hätte durchgesetzt werden können. Der (vermeintliche) Angriff auf eine einzelne Person und der damit verbundene Zweifel an seinem Können erinnern zunächst stark an eine Pasquill. Doch obwohl Liscow primär einzelne Personen zum Gegenstand seiner Satiren gemacht hat, dienen sie ihm nur als Exempel, um auf die Mängel der herrschenden sozialen Wirklichkeit aufmerksam zu machen.33 Letztendlich greift Liscow im Fall Philippi indirekt zur Moral, um das damalige Gelehrtentum vorzuführen, wenn er zum Beispiel in seinem Bericht, in dem er den Magister für tot erklärt, schreibt: »Mich deucht, ein Mensch, der sich ohne Ursache für einen grossen Geist haelt, ist nicht viel klueger, als einer, der mit Gewalt ein irrender Ritter, oder der grosse Mongol seyn will«34. Das Streit provozierende Potential der Moral lässt sich in diesem angeführten Beispiel, denke ich, adäquat nachvollziehen. Auch vielleicht um dieses riskante Unternehmen zu umgehen, sind viele Liscows Schriften anonym erschienen.

Mit den literarischen Beispielen konnte ich jetzt nur an der Oberfläche ›kratzen‹ und möchte daher nochmal meine Untersuchungsaspekte pointiert ausführen. Ein kurzer Blick durch die ›luhmannsche Brille‹ zeigt, dass man bei der Satire mit einer besonderen Art der Kommunikation konfrontiert ist. Darüber hinaus könnte die Systemtheorie einen wertvollen Untersuchungsansatz in puncto Gattungs- oder Literaturgeschichte liefern. Die Satire entfaltet eine anders geformte Kommunikation, weil sie mit der Moral verbunden ist. So meine Ausgangsthese. Als problematisch kann hierbei eventuell empfunden werden, dass die Moral kein System ist. Interessanterweise kämpft schon Schiller im 18. Jahrhundert damit,35 weil er auch die Satire in sein ästhetisches Konzept eingliedern muss. Die Lösung sucht er im Ideal, wenn er schreibt: »Satyrisch ist der Dichter, wenn er die Entfernung von der Natur und den Widerspruch der Wirklichkeit mit dem Ideale […] zu seinem Gegenstand macht.«36

Es scheint allerdings immer wieder das Bedürfnis zu geben – vor allen Dingen in der Forschung – dieses Problem auflösen zu wollen. So geht Nadja Reinhard in ihrer Auseinandersetzung mit dem Autor Gottlieb Wilhelm Rabener davon aus, dass dieser besonders durch die verwendete Ironie in seinen Satiren eine direkte Stellungnahme verweigert und damit dem Leser das Feld überlässt. Daran macht Reinhard die ironische Ethik des Autors fest, die dann mit Luhmann als eine Form von Reflexionstheorie der Moral gesehen werden könnte.37 Diesen Punkt werde ich hier nicht weiterverfolgen. Denn mir scheint es schwierig, dies genau an der Ironie festzumachen, weil mit diesem rhetorischen Mittel selten etwas Direktes ausgesagt wird. Durch diese Art der Verwendung von Ironie wird eher die Nähe der Satire zur Rhetorik deutlich. Und der rhetorische Charakter der Satire ergießt sich – zwar nicht notwendig, aber häufig – in der bereits angeführten ironischen dissimulatio. Diese definiert sich hauptsächlich dadurch, dass etwas Gegenteiliges vom Gemeinten gesagt oder geschrieben wird.38 Damit lasse ich das Problem (auch hier) bewusst offen.

 

Literaturverzeichnis

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Wernher der Gärtner: Helmbrecht. Stuttgart 2015.

  • 1. Jeewon Kim: »Literaturwissenschaft als Literatur/Wissenschaft. Die Asymmetrie zwischen den Unterscheidungen Text/Kommunikation und Person/Funktion«. In: Textpraxis 8 (1.2014). http://www.uni-muenster.de/textpraxis/jeewon-kim-literaturwissenschaft-als-literatur, S. 11 (zuletzt eingesehen am 14. Januar 2017).
  • 2. Vgl. Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung. Bd. VI. Frankfurt/M. 1984, S. 119.
  • 3. Vgl. N.N.: »Staatsaffäre Böhmermann – die Fakten«. In: Spiegel online. http://www.spiegel.de/kultur/tv/jan-boehmermann-das-sind-die-fakten-der-staatsaffaere-a-1086571.html (zuletzt eingesehen am 28. Februar 2017).
  • 4. Kim: »Literaturwissenschaft als Literatur/Wissenschaft.« (Anm. 1), S. 5.
  • 5. Vgl. Niklas Luhmann: Vertrauen. Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. Stuttgart 2000, S. 3.
  • 6. Oliver Jahraus: »Kommunikationszusammenhänge«. In: Textpraxis 3 (2.2011).  http://www.uni-muenster.de/textpraxis/oliver-jahraus-kommunikationszusammenhaenge, S. 3 (zuletzt eingesehen am 14. Januar 2017).
  • 7. Vgl. Jörg Schönert: »Theorie der (literarischen) Satire: ein funktionales Modell zur Beschreibung von Textstruktur und kommunikativer Wirkung«. In: Textpraxis 2 (1.2011). http://www.uni-muenster.de/textpraxis/joerg-schoenert-theorie-der-literarischen-satire, S. 28 (zuletzt eingesehen am 12. Januar 2017).
  • 8. Ebd., S. 28.
  • 9. Vgl. ebd. S. 27.
  • 10. Dominik Schreiber: »Literarische Kommunikation. Zur rekursiven Operativität des Literatursystems«. In: Textpraxis 1 (1.2010). http://www.uni-muenster.de/textpraxis/dominik-schreiber-literarische-kommunikation, S. 14 (zuletzt eingesehen am 14. Januar 2017).
  • 11. Vgl. Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesung über die Ästhetik. Erster und zweiter Teil. Stuttgart 2008, S. 560. Er sagt hier: »[…] vom Epischen hat die Satire gar nichts, und zur Lyrik gehört sie eigentlich auch nicht […]. Deshalb ist der satirische Standpunkt nicht aus jenen Gattungen der Poesie zu begreifen […].«
  • 12. Vgl. Holger Dainat u. Hans-Martin Kruckis: »Die Ordnungen der Literatur(wissenschaft).« In: Jürgen Fohrmann u. Harro Müller (Hg): Literaturwissenschaft. München 1995, S. 131.
  • 13. Vgl. Niklas Luhmann: »Das Problem der Epochenbildung und die Evolutionstheorie.« In: Hans Ulrich Gumbrecht u. Ursula Link-Heer (Hg.): Epochenschwellen und Epochenstrukturen im Diskurs der Literatur- und Sprachhistorie. Frankfurt / M. 1985, S. 13.
  • 14. Man muss sich hier auch bewusstmachen, dass wir es bei der Literatur nicht nur mit einem Sinnmedium zu tun haben, sondern – weitergedacht – mit gepflegter Semantik. Vgl. Niklas Luhmann: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Bd. 1. Frankfurt / M. 1980, S. 19.
  • 15. Wernher der Gärtner: Helmbrecht. Stuttgart 2015, V. 1909–1912.
  • 16. Niklas Luhmann: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Bd. 3. Suhrkamp 1989, S. 156 –157.
  • 17. Wernher der Gärtner: Helmbrecht (Anm. 15), V. 329–336.
  • 18. Siehe dazu zum Beispiel Jörg Schönert: Roman und Satire im 18. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Poetik. Stuttgart 1969.
  • 19. Vgl. Schreiber: »Literarische Kommunikation. Zur rekursiven Operativität des Literatursystems« (Anm. 10), S. 7. Siehe dort auch zur genauen Übertragung von Mitteilung, Information, und Verstehen auf den literarischen Text.
  • 20. Vgl. Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Bd. 1. Frankfurt / M. 1998, S. 244–245.
  • 21. Vgl. Schönert: Roman und Satire im 18. Jahrhundert (Anm. 18), S. 28.
  • 22. Vgl. Niklas Luhmann: »Die Form der Schrift«. In: Hans-Ulrich Gumbrecht u.a. (Hg.): Schrift. München 1993, S. 349–366, hier S. 351.
  • 23. Vgl. David-Christopher Assmann: »Operativität und Akteure des Literatursystems. Eine Replik auf Dominik Schreibers Artikel ›Literarische Kommunikation‹ und Jörg Schönerts Kommentar«. In: Textpraxis 3 (2.2011). http://www.uni-muenster.de/textpraxis/david-christopher-assmann-operativitaet-und-akteure-des-literatursystems,S. 4 (zuletzt eingesehen am 14. Januar 2017).
  • 24. Siehe dazu zum Beispiel Carlos Spoerhase: Autorschaft und Interpretation. Methodische Grundlagen einer philologischen Hermeneutik. Berlin u.a. 2007, S. 11–38.
  • 25. Gemeint ist hier zum Beispiel: Hendricus Sparnaay: Hartmann von Aue. Studien zu einer Biographie. Darmstadt 1975.
  • 26. Vgl. Michael Stolz: »Die Aura der Autorschaft. Dichterprofile in der Manessischen Liederhandschrift.« In: Ders. u.a.: Buchkultur im Mittelalter. Schrift – Bild – Kommunikation. Berlin u.a. 2006, S. 67–99.
  • 27. Sebastian Brant: Das Narrenschiff. Stuttgart 1998, S. 511.
  • 28. Vgl. Sebastian Gärtner: Was die Satire darf. Eine Gesamtbetrachtung zu den rechtlichen Grenzen einer Kunstform. Berlin 2009, S. 17–18.
  • 29. Vgl. Niklas Luhmann: Rechtssoziologie. Opladen 1987, S. 27.
  • 30. Luhmann: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Bd. 3 (Anm. 16), S. 370.
  • 31. Gemeint ist hier: Briontes der Juengere, oder Lobrede auf den Hochedelgebohrnen und Hochgelahrten Herrn, Hrn. D. Johann Ernst Philippi, oeffenlichen Professor der deutschen Beredsamkeit auf der Universitaet Halle, wie auch Chursaechischen immatriculirten Advocaten etc. etc. nach den Regeln einer natuerlich, maennlichen und heroischen Beredsamkeit, gehalten in der Gesellschaft der kleinen Geister, in Deutschland, von einem unwuerdigen Mitgliede dieser zahlreichen Gesellschaft (1732).
  • 32. Vgl. Gunter Grimm: »Anmerkungen«. In: Ders.: Satiren der Aufklärung. Stuttgart 1975, S. 205–315, hier S. 207f.
  • 33. Vgl. Winfried Freund: »Prosa-Satire. Satirische Romane im späten 18. Jahrhundert.« In: Rolf Grimmiger (Hg.): Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur. Bd. 3. München 1980, S. 716–738, hier S. 718.
  • 34. Christian Ludwig Liscow: »Eines beruehmten Medici glaubwuerdiger Bericht von dem Zustande, in welchem er den (S.T.) Hrn. Prof. Philippi den 20ten Junii 1734 angetroffen.« In: Gunter Grimm: Satiren der Aufklärung. Stuttgart 1975, S. 3–12, hier S. 4.
  • 35. Interessant ist diese Tatsache, weil Luhmann die unterschiedlichen Bewegungen im 18. Jahrhundert maßgeblich für die Ausdifferenzierung der Gesellschaft sieht. Siehe dazu unter anderem Niklas Luhmann: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Bd. 2. Frankfurt / M. 1998, S. 707–742.
  • 36. Friedrich Schiller: »Über naive und sentimentalische Dichtung.« In: Rolf-Peter Janz (Hg.): Schiller. Theoretische Schriften. Frankfurt / M. 2008, S. 740.
  • 37. Vgl. Nadja Reinhard: Moral und Ironie bei Gottlieb Wilhelm Rabener. Paratext und Palimpsest in den ›Satyrischen Schriften‹. Göttingen 2013, S. 321–324.
  • 38. Vgl. Edgar Lapp: Linguistik der Ironie. Tübingen 1992, S. 24.