Literaturwissenschaft und Praxis

Steffen
Dürre
Rostock

Das Biotop literarischer Zeitschriften

1. Eine Wüste

Wozu eine Literaturzeitschrift? Diese Frage, drei Jahre nach der Gründung der Zeitschrift Weisz auf Schwarz gestellt, macht aufmerksam auf ein Problem, das in der Zeit der Gründung zwar spürbar war, jedoch noch nicht fertig formuliert vorlag. Nach einigen Überlegungen hingegen leuchtet ein: Sie ist gleichbedeutend mit der Frage: Wozu ein Kino? Wozu ein Theater, ein Freigarten, ein Sportplatz? Wozu eine Bibliothek?

Zunächst ist eine Stadt nicht etwa nur ein Konglomerat einer mehr oder weniger stabilen Anzahl von Menschen. Die sattesten demographischen Statistiken machen aus einer Stadt längst noch kein Paradies. Als ihr Bewohner kann man zwar Jobs, Familie, Maisonettewohnungen oder Lofts, Bioläden oder Großmärkte haben und zufrieden sein, glücklich aber wird man erst mit kulturellem Programm. Oder mit Simmel gesprochen: »Damit ist in die Dimension gewiesen, in die das Leben transzendiert, wenn es nicht nur Mehr-Leben, sondern Mehr-als-Leben ist«, und Letzteres sei, so Simmel, »das Wesen des geistigen Lebens selbst«.1

Es wurde nach und nach in Rostock das Fehlen eines literarischen Lebens spürbar, was zur Konsequenz gehabt hätte, entweder die Flucht zu ergreifen oder sich die Stadt zwangsläufig selbst zu möblieren. Ein Lokalsender bot Musikinteressierten eine entsprechende Plattform. Wie aber ließ sich in einer spärlich und schlecht repräsentierten Poetry-Slam-Gemeinde eine Literaturszene organisieren? Die Weisz auf Schwarz kann keine Szene generieren, aber abbilden. Vorrangig jedoch ist der Wille, nicht tatenlos zuzusehen, wie man nichts tut. Der Mutwille zur Aktivität (und sicherlich auch zum Aktivismus) war nicht zuletzt dadurch motiviert worden, dem theoriebeladenen Studium eine praktische Kompensationshandlung entgegenzuhalten und in einem Gebiet zu arbeiten, das in anderer Weise lebendig, interessant und unüberschaubar bleibt. Und ebenso: eine Romantik des vortheoretischen Lesens zurückzugewinnen – was mit nüchternem Blick gesehen unmöglich ist, da es über Geschmacksurteile hinaus literaturwissenschaftlicher Kriterien bedarf, um über die Qualität von Texten zu entscheiden. Die Liebe zur feuilletonistischen Sprache, der Reiz der Suche nach verborgenen Texten, der Bedarf, über Bücher zu reden, Leseempfehlungen zu geben – all das machte eine Literaturzeitschrift möglich.

Und darum ist die Frage nach der Notwendigkeit einer Zeitschrift gleichbedeutend mit den Fragen: Wozu ein Theater / Sportplatz / Kino / Freigarten? Weil sie ein Problem benennt, das eine Lücke markiert, die sich bemerkbar macht. Mit dem Aufmerksamwerden auf das Fehlen einer Literaturzeitschrift ist ihr Bedarf entstanden. Die Weisz auf Schwarz verstand sich von Anfang an, zumal die Gründer alle dem Universitätsbetrieb entstammten, als ein dem traditionellen und akademischen Literaturbegriff eher praktisch gegenüberstehendes Forum, welches sich mehr in der zeitgenössischen Literatur heimisch fühlte und aktuelle Tendenzen beobachten wollte. Junge Autoren, frische Texte, gewagte Konzepte, gepaart mit im Zeitgeist stehender Fotografie und Grafik bildeten nicht nur die Arbeitsfläche, sondern wurden geradezu als Lebensraum wahrgenommen, der aktuelle Mentalitäten besser abzubilden vermochte als vergangenheitsbefangene Lektüren, deren Kondensate weniger treffend das beschrieben, was gemeinhin als Alltag zu bezeichnen wäre. Gerade über die Sprache und ihre Verwendungsweisen zeigen sich Wahrnehmungsmuster, die gegenwärtiger situiert sind als klassische Texte, weil sie sich nicht scheuen, kurzlebige Tendenzen zu benennen, vergängliche Neologismen zu gebrauchen, und weil sie sich selbst nicht als kanonisch überschätzen.

2. Die Oase

Auf der Suche nach Texten ist die Ausbeute selbst in einer mittelgroßen Universitätsstadt mit Studiengängen wie Germanistik und Philosophie ernüchternd. Andere Literaturzeitschriften generieren ihre Texte aus Schreibwerkstätten oder Schreibstudiengängen ihrer Stadt (Hildesheim, Leipzig). Dies führt jedoch schnell zu Einseitigkeiten: Die häufig wiederkehrenden Namen erzeugen einen immergleichen Grundton, schaffen hingegen auch einen stabilen Fankreis. Neben Schreibwerkstätten und Literaturinstituten sind Autoren- und Schreibforen im Internet zwar eine scheinbar schier unerschöpfliche Quelle, jedoch ist die Qualität der Texte in den meisten Fällen sehr bedenklich: Hermetische Zirkel finden im gegenseitigen Lob nicht aus dem eigenen Sumpf. Mit viel Glück und Geduld lässt sich aber hier etwas finden.

Den Rest der Zeitschrift füllen Texte von Autoren, die dem eigenen Geschmack der Redaktion entsprechen und die über persönliche Anfragen Texte und das Vertrauen liefern, eine junge Literaturzeitschrift mit ihrer Arbeit zu unterstützen. Hier zeigt sich eine überaus bereitwillige und kooperative Szene, die es begrüßt, wiederum in Szenen zu wirken: Das, was unbekanntere Autoren noch nicht vermögen, nämlich eine Wirkung vor einem breiten Publikum zu entfalten, erreichen sie verstreut in Zeitschriften in ganz Deutschland. Damit ist eine Zeitschrift nicht nur ein dankbares Miteinander zwischen Autoren und Redaktion, sondern immer auch ein Spielplatz für Experimente und Wagnisse mit Texten, die der Literaturbetrieb noch nicht erobert hat. Hier finden sich sogar am ehesten noch Texte, die Versuchsanordnungen gleichen: formensprengende und unbefangene Erzähltexte, mit (selten) unkonventioneller und (oft) expressiv gebauter Architektur.

3. Die Tropen

»Wie viele Literaturzeitschriften derzeit im deutschsprachigen Raum existieren, weiß niemand.«, schätzt Tanja Dückers auf taz.de die Lage ein. »Die Angaben schwanken zwischen 150 und knapp 1.000.«2 Soweit die klaren Zahlen. Erschwerend komme hinzu, dass nicht einmal wirklich klar sei, was unter den Begriff ›Literaturzeitschrift‹ fallen dürfe und was nicht, da die Selbstkonzepte teils diffus, teils sehr breit zu fassen seien. Darüber hinaus sei die Halbwertszeit einer solchen Zeitschrift nicht selten kaum länger als ein Jahr.

Ein Zeitschriftenprojekt ist unter diesen Vorzeichen darum nicht weniger als ein Experiment in vielerlei Hinsicht: Zum einen ein auf finanziell dünnem Eis gebautes Projekt, ein stochastisches Wunder, das im Glücksfall auch einmal von einer Stiftung gefördert werden kann. Im Falle der Weisz auf Schwarz, die auf Gemeinnützigkeit basiert, wird eine Wirtschaftlichkeit angestrebt, die es erlaubt, mit den Einnahmen der aktuellen Ausgabe die kommende zu finanzieren. Kunstförderer und Freunde steuern dazu bei, dass darüber hinaus auch Lesungen organisiert und Literaturfestivals veranstaltet werden können, um als Verein nicht auf kommerzielle Anzeigen angewiesen zu sein. Was das bedeutet, ist nicht immer leicht zu entscheiden. Die bisherigen Kooperationen beschränkten sich lediglich darauf, Tagungen philosophischer Gesellschaften oder Aufrufe zu Manuskripteinsendungen durch den Hinstorff-Verlag zu bewerben. Inwieweit lässt sich nach außen hin das Ansehen einer ›grauen‹3 Literaturzeitschrift aufrecht erhalten? Unabhängigkeit ist immer schwer erkauft, vor allem weil Anzeigen meist die grafische Komponiertheit einer Ausgabe stören können.

Zum anderen wuchert allerorten Zeitschriften-›Konkurrenz‹, wohingegen zwischen vielen der Magazine Autoren- und Anzeigenaustausch und andere Kontaktbörsen herrschen. Diesbezüglich muss eine Zeitschrift immer auch Rechenschaft über Aspekte wie Motive, Leitlinien, Existenzberechtigung, ›Firmenphilosophie‹ und Definitionen ablegen, die ein etablierter Verlag längst nicht mehr zu leisten hat.

4. Der Sumpf und das Netz

Einige der unzähligen Literaturzeitschriften versammeln sich unter dem Titel ›Junge Magazine‹ im Internet. Darunter finden sich Namen wie Edit, sic!, BELLA triste, lauter niemand, sprachgebunden, Kritische Ausgabe und viele andere. Das Internetportal dieser Jungen Magazine ist zwar als sich selbst perpetuierendes, sich als Einheit präsentierendes Forum geplant gewesen, scheiterte aber bald an Diskoordiniertheit und mangelnder Aufnahmebereitschaft. Die Seite ist faktisch tot und lebt nur noch pünktlich zu jeder Buchmesse wieder auf.

In anderer Hinsicht ist das Internet aber ein sehr fruchttreibender Boden für Literatur. Plattformen wie www.poetenladen.de, das Mainzer Literaturtelefon oder autoreneigene Blogs ermöglichen der Literatur völlig neue Möglichkeiten. Videos, Poetry-Clips, Fotos, Audio-Lesungen, Textauszüge können hier zu einem unendlich großen Archiv wachsen, das zudem noch flexibler ist als jede gedruckte Seite einer Zeitschrift. Online-Zeitschriften und andere Portale zeigen viele neue, innovative Literaturprojekte, die mit Darstellungsformen der Literatur experimentieren und so den literarischen Genuss aus dem antiquierten Dunst zersessener Ledersessel in eine der Zeit entsprechende Form bringen. Ob diese Formate jedoch mit einem Print-Produkt konkurrieren können, entscheidet der Leser selbst. Das Internet bietet sich immer als alternativer Grenzgang an, Literatur in einer performativen Andersheit darzustellen.

Darüber hinaus gibt es unzählige Zeitschriften, die zwar nicht in einem Verbund arbeiten oder ihren Schwerpunkt auf das Internet legen, aber durchaus einen ähnlichen Wirkungs- und Intentionskatalog besitzen: Dulcinea, randnummer, Skarabäus, intendenzen, Wiecker Bote, Scharlatan und die Weisz auf Schwarz. Dieses Milieu ist breit und eine Unterteilung je nach Gesichtspunkt beliebig. Jede der Zeitschriften kämpft darum, wenn ihre Motive aufrichtig bleiben, literarische Entdeckungen zu machen und diese dann von dem Moment ihrer Entdeckung an sichtbar zu machen. Das, was die Verlage nicht zu entdecken vermögen bzw. sich noch nicht trauen, wird hier behutsam inszeniert und einer Öffentlichkeit dargeboten, die sich mit dieser Entdeckungsreise auseinandersetzen will: Die Literaturzeitschriften bieten, anders als beispielsweise Publikationen wie die Zeitschrift für Ideengeschichte, die Literaturen oder Text+Kritik, die ja vorwiegend Essays, Rezensionen und Autorenportraits enthalten, eine erste Bühne für die Autoren, auf der sie die Prüfung der Qualität und Beständigkeit ihrer Texte bestehen müssen. Zudem sind wiederum diese Zeitschriften den Verlagen eine Möglichkeit der Autorenschau. Hier werden Mentalitätsstudien betrieben, Umsichten gemacht, Geist gesiebt. Das, was der etablierte Markt nicht erfasst, fangen Zeitschriften auf, deren Sieb feiner ist als das der Goliaths.

Auch die Literaturzeitschrift Weisz auf Schwarz ist auf dem fruchtbaren Boden bracher Landschaften entstanden, eine grüne Insel inmitten von Inseln, zwischen denen die Brandung eines von Natur aus ignoranten Marktes ihre Auslese betreibt. Sie fügt sich ein in die Haarrisse, in denen sie Texte aufspürt, die ohne eine redaktionelle Arbeit nicht an die Oberfläche dringen und die ihnen gebührende Aufmerksamkeit bekommen können.

Der Ausbruch aus der redaktionellen Arbeit, einer scheinbar verschworenen Stammtischatmosphäre, die Pläne schmiedet und als Reaktion seitens der Leser nur bloße Verkaufszahlen der bisher erschienenen Ausgaben vorzuweisen hat, erweckt mehr und mehr das Bedürfnis nach einer Leseveranstaltung. Ein Literaturfestival wird notwendig: Drinnen=Draußen.Textfest ist eine Veranstaltungsreihe, die sich bereits im zweiten Jahr befindet und literarische Größen wie Peter Wawerzinek, Oliver Kluck und Ron Winkler zu Gast haben durfte. Hier plötzlich wird ein Publikum und so etwas wie Szene sichtbar, zum einen in der Arbeit vieler engagierter Kräfte, die ein Event mit ausgestalten wollen, zum anderen eine Leserschaft und Literaturinteressierte, die die Veranstaltung besuchen. Festivals, Lesungen und Release-Partys sind ein dankbares Mittel zur Sichtbarmachung von Leserkreis und Interessierten. Einerseits kann sich eine Zeitschrift ihrem Publikum in anderer Weise präsentieren, andererseits der Redaktion Dasjenige zeigen, was sie nie zu sehen bekommt: den Leser. Der Stolz, Autoren zu präsentieren, die Freude, mit Lesern und Besuchern ins Gespräch zu kommen, sind unbezahlbare Feedbacks zur eigenen Arbeit. Sie durchbrechen das scheinbar schalldichte Büro der redaktionellen Arbeit. Eine Stadt wie Rostock, deren Studenten ihren unverbindlichen Studienaufenthalt absolvieren, wird zur Aufgabe und Wahlstadt, weil sie nun in literarischer Hinsicht bewohnbar gemacht ist.

Um in ihr Aufmerksamkeit zu erzielen, werden innovative Werbekampagnen bemüht, die über die latente Wirksamkeit von Flyern, Newslettern und an Stromkästen klebenden Postern hinausgehen: geklebte Miniaturen, gerahmte Werbebilder, die an Häuserwänden aufgehängt sind, mit Werbezetteln versehene halbierte Bücher, die innerhalb der Stadt auf Parkbänken, auf Stromkästen und Straßenbahnsitzen und auf Café-Haus-Tischen positioniert werden, gehören zum Repertoire der innerhalb der Redaktion ausgetüftelten Aktionen. Die Herausforderung kreativer Ideen kreist also nicht nur um das Machen einer Zeitschrift, sondern auch um das Schaffen von multiplikativen Netzwerken.

5. Die Lichtung

Literaturzeitschriften sind also keine Erscheinungen im echolosen Raum. Sie genießen ein festes Publikum, wagen Texte, die jenseits des Mainstreams stehen oder dem Urteil der Redaktionen nach die Kriterien eines gut erzählten Textes erfüllen, und riskieren mehr als alle Verlage das Experiment der ungewissen Reaktion. Während einige der Zeitschriften zunehmend von einem Autorenstamm profitieren und sich damit eine Wirtschaftlichkeit und einen Leserstamm sichern, versuchen andere weiterhin, auf dem dünnen Glatteis den untergehenden Stern der Avantgarde zu retten: Die Literatur jenseits des Mainstreams.

Ob eine Avantgarde noch existiert oder es nur noch ein poststrukturalistisches, pluralistisches Nebeneinander gibt, hängt hier von der Sichtweise der Redaktionen ab. Neues, wagendes Erzählen, das sich in Texten zeigt, hat es prinzipiell schwer, sich Aufmerksamkeit zu erkämpfen. Es ist immer eine Literatur, die zunächst gezwungen ist, unter Tage zu arbeiten und sich über die Kapillarwirkung von Literaturzeitschriften einen Gang ›nach oben‹ zu bahnen. Was sich dann als Qualität erweist oder als brauchbar kenntlich zeigt, wird sofort mit der Entdeckung vom Markt des Mainstreams aufgesogen, entavantgardisiert oder derart als Avantgarde gefeiert, dass diese Neuheit sogleich im Mühlrad des Literaturbetriebs nachgeahmt, kopiert und vervielfältigt wird und der Begriff der Avantgarde für derartige Literatur sogleich obsolet wird. Darin sind sich Mode, Musik, Malerei und auch die Literatur gleich. Was hingegen altmodisch, konservativ und rückständig ist, kann sofort zum Kult erklärt und damit für den Markt wiederum verfügbar gemacht werden. Kult verkauft sich ebenso wie Avantgarde. Neuentdeckungen in der Literatur sind so kostbar wie Wiederentdeckungen. Was aus der Verschollenheit herausgeholt wird, ist so wertvoll wie eine Neuentdeckung. Hierin sind Literaturzeitschriften unermessliche und unerschöpfliche Potentiale, Venen, die frisches Blut in das Herz der etablierten Verlage transportieren. Die Texte müssen nicht ›avantgardistisch‹ sein, gerade gut erzählte Texte finden schnell in kleinen Zeitschriften viele Leser oder sogar einen Verlag.

Und doch haben Literaturzeitschriften heute einen anderen Charakter als in früheren Zeiten. Früher überwog der Manifestcharakter, die Kunst wollte sich in einer rigorosen Form präsentieren, die Avantgarde suchte sich ein Sprachrohr, eine Bühne für ›schnell geschossene Texte‹ und Kulturkritik. Eine fast militante Pamphletmusik wetterte in einen bildungsbürgerlichen Raum. Der Querschnitt, die Fackel und der Simplicissimus sind wohl die bekanntesten. Heute nehmen sich die Zeitschriften recht leise aus. Die Progressivität der Texte gibt sich bescheidener, der Kampfstil ist gezähmt. Hingegen hält zunehmend die Buchkunst (formschönes Layout, zeitgemäßes Design, Fotografie und Grafik) Einzug in das Papier. Die Zeitschriften feiern in Veranstaltungen auf Lesungen und Release-Partys die Autoren und sich selbst wie große Verlage. Letztlich sind alle diese Magazine geronnene »aktuelle Ewigkeitswerte«4, sie beherbergen Texte, die den Zeitgeist repräsentieren, denen eine Mentalität innewohnt, die in einer Generation oder einer Gesellschaft herrscht. In Rezensionen, in der Belletristik, Lyrik oder Essayistik tritt Sprache an die Oberfläche, die die Mündlichkeit eine Weile überlebt, einen Abstrich macht von dem Gewebe literarischen Lebens, um es dann über Zeitschriften dem mikroskopischen Blick der Leser zu überantworten, welche darüber entscheiden, ob es sich um Erreger handelt und ob sich um die Texte und ihre Autoren Herde bilden, die ansteckend sind und Fieber entfachen können. Zeitschriften sorgen für eine latente Möglichkeit, einzelne Erreger öfter auszuprobieren als Verlage. Hier und da schleicht sich ein Text ein, der nicht zündet, von dem die Redaktion jedoch glaubt, dass er Potential zu Entzündungsreaktionen hat. Aufgrund der breiten Vielfalt der Texte, die ein Magazin abbildet, kann einem Autor so über einen längeren Zeitraum eine Chance gegeben werden. Kann er sie nicht ergreifen, verschwindet er notwendig – ein selbständiger ›Heilungsprozess‹ tritt ein, der natürlich auch durch Familienwirtschaft oder inzestuösen Literaturbetrieb untergraben werden kann. Oder: Die Zeit ist noch nicht reif für diesen Autor, die Gesellschaft noch immun, der Autor ein Fremdkörper, der wieder ausgestoßen wird. Insofern sind Literaturzeitschriften Präparate, Herbarien literarischer Schriftkultur, haltbar gemachte Texte im Giftschrank des literarischen Lebens.

  • 1. Georg Simmel: »Lebensanschauung«. In: Ders.: Gesamtausgabe. Bd. 16. Der Krieg und die geistigen Entscheidungen. Grundfragen der Soziologie. Vom Wesen des historischen Verstehens. Der Konflikt der modernen Kultur. Lebensanschauung. Hg. v. Gregor Fitzi und Otthein Rammstedt. Frankfurt/M. 1999, S. 209–425, hier S. 229.
  • 2. Tanja Dückers: Jenseits der Hippiematte. Lakonische und skurrile Alltagsmikroskopie: Die Literaturzeitschrift »Am Erker« aus der münsteraner Provinz feiert ihren 30. Geburtstag, 28.11.2007. http://www.taz.de/1/leben/buch/artikel/1/jenseits-der-hippiematte/?src=M... (zuletzt eingesehen am 20.08.2010).
  • 3. »Grau« sei hier im Sinne einer Alternativpresse verstanden, die sich als Gegenöffentlichkeit verstehen will. Vgl. Wolfgang Beywl u. Hartmut Bromach: »Kritische Anmerkungen zur Theorie der Alternativpresse«. In: Publizistik 27 (1982), S. 551–569, hier S. 554. Auf diese Kriterien rekurriert auch Karl-Heinz Stamm: Alternative Öffentlichkeit. Die Erfahrungsproduktion neuer sozialer Bewegungen. Frankfurt/M., New York 1988, S. 151ff., ausführlich S. 54–96.
  • 4. So der Untertitel der Kulturzeitschrift Der Querschnitt, die zwischen 1921 und 1936 existierte.