Maren
Conrad
Erlangen-Nürnberg
Theresa
Schmidtke
Leipzig
Martin
Stobbe
Leipzig

Einleitung

Literatur und Computerspiel in der digitalen Gesellschaft

Nachdem die jüngste Debatte um den ästhetischen Zustand und die gesellschaftliche Relevanz der Literatur im Jahr 2014 ohne nennenswerte Ergebnisse abgeflaut ist,1 wirkt es geradezu erfrischend, wenn Klaus Kastberger drei Jahre später zum Optimismus aufruft: »Hören wir doch endlich mit dem apokalyptischen Totentanz um die Literatur auf. Eine so lebendige und heterogene Szene des Schreibens wie heute hat es in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur niemals zuvor gegeben.«2 Auch Elke Brüns weiß zu beruhigen: »Die sozialen Konflikt- und Krisenerfahrungen der Gegenwart, ihre Umbrüche und Verwerfungen sind längst Gegenstand der Literatur geworden – so wie sie es genau besehen immer schon waren.«3 Aus beiden Aussagen folgt klar, dass die Frage, ob Literatur eine Relevanz für die Gegenwart hat, wenig ergiebig ist. Vielmehr muss es darum gehen, wie eine Literaturwissenschaft, die sich für Gesellschaftsbezüge interessiert, diese Relevanz auch glaubhaft modellieren kann.4 Dass sie sich nach wie vor schwer damit tut, hat mehrere Gründe. Ein zentraler unter ihnen ist aber der »elitäre Literatur- […] und prädigitale Realitätsbegriff«5, den Peer Trilcke schon der Debatte von 2014 bescheinigt hat und der den wissenschaftlichen Diskurs bis heute dominiert. Wissenschaft und Kritik negieren konsequent Einfluss wie Bedeutung des Digitalen innerhalb ihres Feldes wie ihrer sozialen Umwelt, während die Leitmedien der Gesellschaft längst digital sind oder im Digitalen konvergieren.6

Diese Beobachtung war der Ausgangspunkt für die im Sommer 2015 in Münster veranstaltete interdisziplinäre Tagung digital. sozial. marginal? – Literatur und Computerspiel in der digitalen Gesellschaft.7 Die Veranstaltung ging von der Annahme aus, dass digitale Artefakte die »sozialen Konflikt- und Krisenerfahrungen der Gegenwart«, von denen Brüns spricht, für die digitale Gesellschaft in besonderer Weise adressieren können, weil sie mit ihr die unmittelbare Schnittmenge des Digitalen teilen. Im Mittelpunkt der Tagung standen unter der Leitfrage nach der Marginalisierung akute Spannungsfelder wie Demokratisierung vs. Algorithmik, Interaktivität vs. Trivialität, Heterogenität vs. Unübersichtlichkeit oder Transparenz vs. Überwachung. Sie alle, so die These der Veranstaltung, sind in gesellschaftlichen Bereichen zentrale Elemente des Handelns und der Kommunikation geworden und können durch kulturelle Gegenstände, die demselben digitalen Raum entstammen, privilegiert verhandelt werden. Die Tagung ist daher mit dem Anspruch angetreten, das Digitale aus der Relevanzfrage heraus wieder anschlussfähig zu machen.

Die Veranstaltung hat sich schließlich als ein glücklicher und seltener Fall von interdisziplinärer Produktivität herausgestellt: Es ist den TeilnehmerInnen nicht nur gelungen, die Ausgangsfrage zu bearbeiten, sondern sie auch zu erweitern und zu schärfen. Martin Hennig formuliert in seinem programmatischen Artikel in diesem Band ein Desiderat, das über die Tagung hinaus in ein größeres Forschungsfeld weist: Während »zentrale zeitgenössische soziokulturelle Umwälzungen und lebensweltliche Transformationen in Zusammenhang mit dem Paradigma der Digitalität gebracht werden« gilt der Befund, dass »der Dispositivcharakter digitaler Medien nach wie vor nur unzureichend erforscht«8 ist.

Obgleich digitales Denken und digitale Praktiken längst ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft sind, fehlt es an einer grundlegenden akademischen Disziplin, die eben dies reflektiert. Der vorliegende Band trägt deshalb den neuen, erweiterten Titel Digitale Kontexte. In ihm drückt sich ein gegenüber der Ursprungsfrage erweitertes Programm aus, dem es darum geht, gemeinsam ein neues wissenschaftliches Feld im Schnittpunkt zwischen Kultur und Digitalität zu erarbeiten und zur Anwendung zu bringen. Die Beiträge des Bandes treten aus interdisziplinärer Perspektive für eine Neurelationierung, Theoretisierung und Operationalisierung digitaler Medien als Teile ›digitaler Kontexte‹ ein, die einen neuen, kooperativen Arbeitsbereich der Kultur-, Medien- und Literaturwissenschaft darstellen. Das zentrale Anliegen ist die Eröffnung einer interdisziplinären Digital Studies-Kultur, die die Probleme des Digitalen in ganzer Breite mit den fundierten Methoden der etablierten Fächer in den Blick nimmt, erste programmatische Schritte zu seiner Erforschung entwickelt und Machbarkeitsstudien in Einzelanalysen liefert. Unter dem Schlagwort der ›digitalen Kontexte‹ wird dabei nach gegenseitiger Beeinflussung, aber vor allem nach Konvergenzen der lediglich heuristisch getrennten Felder ›Literatur‹, ›Medien‹, ›Gesellschaft‹ und ›Kultur‹ im Digitalen gefragt.

Dass der Band als Sonderausgabe von Textpraxis erscheint, hat schließlich drei Gründe. Die an der Universität Münster seit 2013 etablierte Zeitschrift passt erstens aufgrund ihrer starken Open Access-Ausrichtung wissenschaftspolitisch bestens zu den von den Mitwirkenden vertretenen Idealen einer offenen, am Digitalen ausgerichteten Wissenschaft. Zweitens setzt der hier vorgelegte Band mit seiner Frage nach neuen Potenzialen des Digitalen für Kultur-, Literatur- und Medienwissenschaften die Thematik der Sonderausgabe # 1 fort, in der Innokentij Kreknin und Chantal Marquardt danach fragen, wie sich digitale Technologien auf Subjektformen und ihre täglichen Praktiken auswirken.9 Drittens verzichtet er als Hybrid aus Sonderausgabe eines Journals und Sammelband auf die Suggestion einer wohldefinierten Geschlossenheit. Die jeweiligen Beiträge schöpfen zwar aus einer gemeinsamen Fragestellung, jedoch ohne dass die Individualität und Einzelleistung der Artikel in ihren Herkunftsdisziplinen geleugnet werden müsste. Digitale Kontexte hat so die Stärke, seine Einheit und Vielfalt aus der Summe seiner Teile, den Synergieeffekten seiner offenen Struktur und der lebendigen Nachwuchswissenschaft zu schöpfen. Entsprechend verzichten die HerausgeberInnen auch auf eine umfangreiche Einleitung. Der Beitrag von Martin Hennig leistet unter demselben Titel, den auch der Band trägt, einen klar strukturierten Überblick über die Grundfrage nach ›digitalen Kontexten‹. Einen Überblick über die einzelnen Artikel vermittelt demgegenüber die Leitseite der Sonderausgabe, in der die Kurzinhalte unmittelbar aufeinander folgen.

Literatur- und Medienverzeichnis

BRÜNS, Elke: »Der Social Turn Keiner unter vielen?« In: Haimo Stiemer, Dominic Büker u. Esteban Sanchino Martinez (Hg.): Social Turn? Das Soziale in der gegenwärtigen Literatur(-wissenschaft). Weilerswist 2017, S. 1529.

GENDOLLA, Peter u. Daniel Müller: Alte und neue Leitmedien, 3. Mai 2010. http://www.uni-siegen.de/uni/publikationen/extrakte/ausgaben/200703/1.html (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).

HENNIG, Martin: »Digitale Kontexte: Problemaufriss zur Erforschung digitaler Medien am Beispiel des Computerspiels«. In: Maren Conrad, Theresa Schmidtke u. Martin Stobbe (Hg.): Digitale Kontexte. Literatur und Computerspiel in der Gesellschaft der Gegenwart. Sonderausgabe # 2 von Textpraxis. Digitales Journal für Philologie (2.2017). DOI: http://dx.doi.org/10.17879/61269530799.

HENNIG, Martin u. Tobias Unterhuber: »Das Digitale und die Menschen. Bericht zur Tagung ›digital. sozial. marginal? – Literatur und Computerspiel in der digitalen Gesellschaft‹ (25.6.-27.6.2015, WWU Münster)«. In: Paidia. Zeitschrift für Computerspieleforschung vom 29. Juli 2015. http://www.paidia.de/?p=6254 (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).

KASTBERGER, Klaus: Schluss mit dem Totentanz-Geraune, 13. Februar 2017. http://www.zeit.de/kultur/literatur/2017-02/germanistik-literatur-deutsche-sprache-krise (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).

KESSLER, Florian: Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!, 16. Januar 2014. http://www.zeit.de/2014/04/deutsche-gegenwartsliteratur-brav-konformistisch (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).

KREKNIN, Innokentij u. Chantal Marquardt (Hg.): Das digitalisierte Subjekt. Grenzbereiche zwischen Fiktion und Alltagswirklichkeit. Sonderausgabe # 1 von Textpraxis. Digitales Journal für Philologie (2.2016). http://www.uni-muenster.de/Textpraxis/sonderausgabe-1 (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).

TRILCKE, Peer: Buh! Eine Bewegung?, 6. Mai 2014. http://www.litlog.de/literarisches-leben/buh-eine-bewegung/ (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).

WAGNER-EGELHAAF, Martina: »Literaturtheorie als Theorie der Gesellschaft?« In: Promotionskolleg Literaturtheorie als Theorie der Gesellschaft (Hg.): Literatur - Macht - Gesellschaft. Neue Beiträge zur theoretischen Modellierung des Verhältnisses von Literatur und Gesellschaft. Heidelberg 2015, S. 17–38.

  • 1. Vgl. Florian Kessler: Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!, 16. Januar 2014. http://www.zeit.de/2014/04/deutsche-gegenwartsliteratur-brav-konformistisch (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).
  • 2. Klaus Kastberger: Schluss mit dem Totentanz-Geraune, 13. Februar 2017. http://www.zeit.de/kultur/literatur/2017-02/germanistik-literatur-deutsche-sprache-krise (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).
  • 3. Elke Brüns: »Der Social Turn Keiner unter vielen?« In: Haimo Stiemer, Dominic Büker u. Esteban Sanchino Martinez (Hg.): Social Turn? Das Soziale in der gegenwärtigen Literatur(-wissenschaft). Weilerswist 2017, S. 1529, hier S. 27.
  • 4. Dieser Frage widmete sich die 2013 von Mitgliedern des Promotionskollegs Literaturtheorie als Theorie der Gesellschaft der Hans-Böckler-Stiftung organisierte Veranstaltungsreihe und der dazugehörige Band Literatur – Macht – Gesellschaft. Neue Beiträge zur theoretischen Modellierung des Verhältnisses von Literatur und Gesellschaft. Hier insbesondere der Artikel von Martina Wagner-Egelhaaf: »Literaturtheorie als Theorie der Gesellschaft?« Heidelberg 2015, S. 17–38.
  • 5. Peer Trilcke: Buh! Eine Bewegung?, 6. Mai 2014. http://www.litlog.de/literarisches-leben/buh-eine-bewegung/ (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).
  • 6. Peter Gendolla u. Daniel Müller: Alte und neue Leitmedien, 3. Mai 2010. http://www.uni-siegen.de/uni/publikationen/extrakte/ausgaben/200703/1.html (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).
  • 7. Die Tagung wurde ebenfalls von Mitgliedern des Promotionskollegs Literaturtheorie als Theorie der Gesellschaft organisiert und genau wie dieser Band von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert. Für einen ausführlichen Tagungsbericht vgl. Martin Hennig u. Tobias Unterhuber: »Das Digitale und die Menschen. Bericht zur Tagung ›digital. sozial. marginal? – Literatur und Computerspiel in der digitalen Gesellschaft‹ (25.6.-27.6.2015, WWU Münster)«. In: Paidia. Zeitschrift für Computerspieleforschung vom 29. Juli 2015. http://www.paidia.de/?p=6254 (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).
  • 8. Martin Hennig: »Digitale Kontexte: Problemaufriss zur Erforschung digitaler Medien am Beispiel des Computerspiels« in diesem Band unter http://www.uni-muenster.de/Textpraxis/martin-hennig-digitale-kontexte (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).
  • 9. Innokentij Kreknin u. Chantal Marquardt (Hg.): Das digitalisierte Subjekt. Grenzbereiche zwischen Fiktion und Alltagswirklichkeit. Sonderausgabe # 1 von Textpraxis. Digitales Journal für Philologie (2.2016). http://www.uni-muenster.de/Textpraxis/sonderausgabe-1 (zuletzt eingesehen am 31. Juli 2017).