Stephan
Trinkaus

Kommentar zu Anne Schülke: »Metaphern für (digitalisierte) Subjekte«

»Früher, vor der Digitalisierung, waren Subjekte analog.« Mit diesem schönen, klaren, komplexen Satz beginnt dein Aufsatz und es scheint mir, dass der Text dann versucht genau das auszuloten, was in diesem Satz steckt. Also: was heißt hier ›früher‹, was heißt ›Digitalisierung‹ und was heißt ›Subjekt‹? Ich möchte hier, wie der Text, mit dem beginnen, was Digitalisierung bedeuten könnte.

Digitalisierung

Das Digitale ist hier von Beginn an in eine Ambivalenz getaucht, es wird sogleich gebunden an Familiengeschichten, an einen Onkel John, an die eigene Kindheit und Jugend und der Kniff dabei erscheint mir, dass die Digitalisierung hier als analoge Geschichte auftritt. Es gibt einen Onkel und es gibt einen Ort, südlich von London, in dem er wohnt oder wohnte und es gibt ein Ich, ein Ich als Kind, ein Ich als Jugendliches und ein gegenwärtiges Ich, das das Ich des Textes ist. Auf der ›anderen Seite‹ gibt es Geräte, Technik, technischen Fortschritt: den Atari, den Computermonitor, dann mp3-player, Smartphone, USB Stick usw. Es scheinen zwei Seiten zu sein, aber es gibt keine klare Trennlinie. Es ist nicht bestimmbar, wo ›Ich‹ aufhört und ›Technik‹ anfängt. »Stattdessen frage ich«, so fährt der Text fort, »welche Metaphern es uns ermöglichen, überhaupt Subjekte zu konstruieren und wie diese Metaphern – dann auch im Zusammenhang mit der Nutzung der Geräte – hergestellt werden.« Die Metaphern gehen also den Subjekten voraus und die Nutzung der Geräte, also die Digitalisierung, gehören diesem ›Vorausgehen‹ an. Dass es sich dabei um ein ›Gehen‹ handelt, ist für den Text zentral und ich komme darauf zurück. Es ist aber erst einmal interessant, dass alle Sekundärliteratur, die hier zitiert wird, nicht in die Komplexität dieser Raumzeit zu passen scheint. So schreibt Mirjam Schaub zu Janet Cardiffs Münster Walk, hier werde ein Körper intensiviert und erweitert. Es handelt sich laut Schaub also um einen spezifischen raumzeitlichen Prozess: Es gibt einen Körper, ein Ich-Bewusstsein und eine Ich-Wahrnehmung, dann kommen Technik und Kunst hinzu und schon haben wir eine Erweiterung und Intensivierung von allem. Technik und Kunst wirkten dann in einer linearen kausalen Kette. Auf eine gewissermaßen ›analoge‹ Weise setzt Hartmut Böhme die Zeit und den Raum und dann aber vor allem den realen Raum und den virtuellen Raum einander gegenüber: als schmutzig/real und imaginär/rein. Sicher greift Böhme dabei spezifische Digitalisierungsdiskussionen der 1990er Jahre auf und kritisiert sie, das Digitale scheint er aber tatsächlich auf der Seite des Imaginären und Nichträumlichen zu verorten. Wenn ich es richtig verstehe, dann stehen die hier aufgerufenen ›Installationen‹ Cardiffs und die Texte Nizons einer solchen Auffassung geradezu diametral entgegen: Der Raum ist nicht einfach ein Raum der Positionen, der einfachen Lokalisierungen, wie Whitehead sagen würde, und die Zeit ist niemals rein, es gibt keine Zeit ohne Raum und keinen Raum ohne Zeit, so wie es keine Digitalisierung ohne Welt geben kann. Die Allgegenwart des Digitalen, das sogenannte ›ubiquitous computing‹ (Ubicomp) ist sicher keine Flucht vor der Welt, sie kann auch nicht ausschließlich als Versuch einer absoluten Kontrolle beschrieben werden. Es könnte sein, dass sich mit der Digitalisierung der Welt auch etwas ereignet (und dein Text deutet das meines Erachtens gerade in der Rahmung deines Textes an, der die zitierte Sekundärliteratur ständig unterläuft), was als radikale Öffnung der Welt auf sich selbst verstanden werden kann. Eine Einsicht, die ich meiner Kollegin Lisa Handel verdanke, die dazu in einem bisher unveröffentlichten Manuskript geschrieben hat:

So ist meine These, dass im historischen Moment ihres ›Umweltlich-Werdens‹, die Ubicomp jenes vielfach abgehandelte kontrollgesellschaftliche Dispositiv, welches auf der restlosen Objektivierung, Aufzeichnung und Rückverfolgbarkeit von Datenerfassungsprozessen basiert, genau in jenem Maße implementieren, indem sie simultan auf das weltliche Empfinden hin öffnen und die relationale Verfasstheit einer Welt im Werden exponieren.

früher

Früher war es anders, nicht so wie heute. Es gibt eine Zeit vor der Gegenwart. Früher war analog, Jetzt ist digital: ist das die Zeitlichkeit, in der wir stehen? Ist die Abfolge, die Linearität die analoge Zeit des Früher und die Gleichzeitigkeit des Jetzt digital? Ist das eine Metapher oder deutet sich hier vielmehr eine Zeitlichkeit der Metapher an, oder eher noch: eine Zeitlichkeit, in der auch das Metaphorische steht: das weder alles einfach da ist, noch irgendetwas jemals völlig vorbei sein könnte, sondern alles vorläufig und irreversibel, ereignishaft und verschränkt … . Cardiffs Münster Walk scheint mir gerade diese Doppelheit zu bearbeiten:

In allen Fiktionen entscheidet sich ein Mensch angesichts verschiedener Möglichkeiten für eine und eliminiert die anderen; im Werk des schier unentwirrbaren T’sui Pen entscheidet er sich – gleichzeitig – für alle. Er erschafft so verschiedene Zukünfte, verschiedene Zeiten, die ebenfalls auswuchern und sich verzweigen [...].1

heißt es in Borges’ Erzählung Der Garten der Pfade, die sich verzweigen, die Cardiff im Zusammenhang einer Figur des Münster Walks erwähnt. Diese Figur ist auf der Suche nach einer Zeit, in der seine Tochter nicht gestorben ist. Es ist sicher klar, dass er diese Zeit nicht finden wird, in allen Zeiten, auf die er bei dieser Suche stoßen wird, gab es diesen Tod, er kommt unweigerlich mit ihm, da er ein Moment seines Stattfindens, seines Stattgefunden-Habens ist. Um diese Zeitlichkeit aber geht es: Dieser Tod wird nicht aufhören stattzufinden, aber er ist gleichzeitig auch die Suche nach einem Überleben, einer Lebendigkeit, bezogen auf eine Zukunft, die noch nirgendwo stattgefunden hat und in keiner Dimension des Wirklichen bereits festgelegt ist. Der Raum, der sich in dieser Zeitlichkeit ereignet, ist kein einfach lokalisierbarer Raum, er ist nicht endgültig fixierbar und er ist auch nicht einfach aufteilbar in imaginär und real, es ist ein Raum, der von seinen DoppelgängerInnen und Gespenstern heimgesucht wird, in dem sich nicht nur linear/kausale Ketten ereignen können, sondern Verschränkungen, Superpositionen (Barad).2 Das ist – soweit ich das sehe und dich richtig verstehe – der Raum, der sich im Münster Walk ereignet.

Subjekt

So tritt Wahrnehmung (Perzeption) an die Stelle von Aufmerksamkeit (Apperzeption) und ersetzt, was den Anfang für einen bedeutsamen Austausch mit der Welt bilden könnte: den zweigleisigen Prozeß, in dem innere Bereicherung und die Entdeckung des Ausdrucksgehaltes des Sichtbaren sich ergänzen.3

Der britische Psychoanalytiker Donald Woods Winnicott bezieht sich hier auf eine frühkindliche Konstellation, in der die Blicke der Mutter dem Kind nicht antworten, es sich nicht in der Welt spiegeln, gewissermaßen nicht in sich selbst hineinsehen kann. Winnicott beschreibt damit – wie insgesamt in seiner grundlegend ökologischen Version der Psychoanalyse – inwiefern das Werden eines Subjekts von der es haltenden Umwelt abhängt. Subjektivität wäre danach nichts anderes als Erfahrung eines solchen Austauschs, der jenseits einer Trennung von Innen und Außen verläuft. Wenn die Welt nicht antwortet, wenn sie als absolutes Außen erfahren wird, kann es nach Winnicott nicht zur Erfahrung eines Innen kommen. Winnicott nennt das dieser Trennung Vorhergehende ›potential space‹ oder intermediären Bereich. Unsere Erfahrung der Welt hängt nicht ab von der Wahrnehmung von etwas, das irgendwo da draußen liegt, unserer Beobachtungsgabe, sondern davon, ob wir in der Lage sind, in einen »bedeutsamen Austausch«4 mit der Welt zu treten: wir uns also jenseits (oder eher diesseits) der Innen/Außen-Grenze zu halten in der Lage sind. Das Subjekt ist eine Ökologie, keine Position, kein umgrenzter Ort und insofern, würde ich sagen, im engeren Sinne auch nicht konstruiert, sondern ein Werden. Dieser Austausch geht auch über die Bestimmungen der Sinne hinaus, er ist amodal, wie der Säuglingsforscher Daniel Stern5 schreibt, ist also, wie es in deinem Text heißt, synästhetisch. Ich denke, sowohl die Arbeiten Cardiffs als auch die Texte Nizons gehen von solch einem ökologischen Verständnis des Subjekts aus: das Marionettenzitat, dass du anführst, spricht meines Erachtens sehr dafür. Du schreibst gegen Ende: »Obwohl ich mich geozentrisch und egozentrisch erlebe, erlaubt mir ein subjekt- und logosskeptisches Denken dieses Handeln.« Ist aber dein/unser Erleben wirklich geo- und egozentrisch? Ist es nicht viel eher dieses Weder-Innen-noch-Außen, weder Aktivität noch Passivität, eine Gegenwart, die sich weder von der Ereignishaftigkeit des Vergangenen noch von der Unbestimmtheit des Zukünftigen trennen kann? Die Intensität bei Cardiff und Nizon liegt dann wohl darin, dass sie sich auf genau diese Nichtzentriertheit des Erlebens beziehen und paradoxerweise unser Erleben mit ihr interferieren lassen. Mit Winnicott könnte man auch sagen: Sie suchen den Ort (oder Nichtort), an dem wir leben auf und beginnen dort zu spielen. Dieser Raum, alle Räume in diesem Sinne, haben keine Tür, »die ich nach einem Arbeitstag schließen kann«, sie sind nicht immer schon da, sondern entstehen in diesem Aufsuchen, diesem Spielen, diesem Erleben und dennoch gehen sie unserer Wahrnehmung voraus. Das wäre dann vielleicht ›gehen‹ anstelle von ›Wahrnehmen‹ im Sinne Cardiffs und Nizons: als ›Marionette‹ die Metaphern oder Linien (wie Tim Ingold sagen würde),6 die Netze, Knoten oder String Figuren7 dieses ›Vorhergehens‹ zu halten.

Literaturverzeichnis

BARAD, Karen: Verschränkungen. Berlin 2015.

BORGES, Jorge Luis: »Der Garten der Pfade, die sich verzweigen«. In: Ders.: Fiktionen. Erzählungen 1939–1944. Frankfurt / M. 1998, S. 77–89.

HARAWAY, Donna: SF: Speculative Fabulations and String Figures. Ostfildern 2012.

INGOLD, Tim: Lines – A Brief History. New York 2007.

STERN, Daniel: Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart 1992.

WINNICOTT, Donald W.: Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart 1974.

  • 1. Jorge Luis Borges: »Der Garten der Pfade, die sich verzweigen«. In: Ders.: Fiktionen. Erzählungen 1939–1944. Frankfurt / M. 1998, S. 77–89, hier S. 86.
  • 2. Siehe bspw. Karen Barad: Verschränkungen. Berlin 2015.
  • 3. Donald W. Winnicott: Vom Spiel zur Kreativität. Stuttgart 1974, S. 129.
  • 4. Ebd.
  • 5. Daniel Stern: Die Lebenserfahrung des Säuglings. Stuttgart 1992.
  • 6. Tim Ingold: Lines – A Brief History. New York 2007.
  • 7. Donna Haraway: SF: Speculative Fabulations and String Figures. Ostfildern 2012.